Die strukturelle Dimension im Integrationsprozess von Fluchtmigranten 


Der jeweilige Aufenthaltstitel bestimmt für Fluchtmigranten die Möglichkeiten eines Zugangs zum Arbeitsmarkt. Hier haben sich die rechtlichen Rahmenbedingungen für Fluchtmigranten gegenüber den 1990er Jahren verbessert.
Neben Sprachkenntnissen und rechtlichen Rahmenbedingungen beeinflusst die Qualifikation der Fluchtmigranten die Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Einen ersten Überblick erlauben Ergebnisse einer Befragung von Teilnehmern des ESF-Bundesprogramms zur arbeitsmarktrechtlichen Unterstützung für Bleibeberechtigte und Flüchtlinge mit Zugang zum Arbeitsmarkt. Nur knapp ein Viertel der 19.570 Befragten hat demnach eine berufliche Ausbildung abgeschlossen, und nur 12,5% der Teilnehmer haben universitäre Erfahrung (Lawaetz-Stiftung 2014: 9-10; 16). Die Schwierigkeiten der Arbeitsmarktintegration zeigen sich in den Statistiken der Bundesagentur für Arbeit. Im vergangenen Jahr sind die Beschäftigungsquoten der Personen aus Asylzuzugsländern um 4,5 Prozentpunkte gefal- len. Für das Jahr 2016 wird mit einem weiteren Rückgang der Beschäftigungsquoten und einem An- stieg der Arbeitslosenquoten dieser Gruppe gerechnet (Brücker et al. 2015). Dieser Entwicklung ge- genzusteuern bedarf umfassender Investitionen in den Bildungs- und Ausbildungsmarkt (OECD 2016).
Allerdings sind bei der Integrationsmöglichkeit in den Arbeitsmarkt auch große regionale Unterschie- de aufgrund der Aufnahmefähigkeit des jeweiligen Arbeitsmarktes zu erwarten (Aumüller/Bretl 2008). Zudem zeichnen sich branchenspezifische Zugangsmöglichkeiten in den Arbeitsmarkt ab, denn Flüchtlinge finden am ehesten in solchen Branchen eine Beschäftigung, in denen sich keine einheimi- schen Arbeitskräfte finden lassen (Kühne/Rüssler 2000; Brücker et al. 2015). Doch selbst bei beruflicher Qualifikation oder Hochschulabschluss und guten Deutschkenntnissen scheinen entsprechende Beschäftigungsmöglichkeiten kaum zugänglich. Der Prozess des De-Skilling in Folge von Migration (Bauder 2003; Kelly and Lusis 2006) zeigt sich bei den Fluchtmigranten daher sehr deutlich (Aumüller 2009). Bei Flüchtlingen liegen zudem die erforderlichen Nachweise in Form von Zeugnissen und Belegen häufig nicht vor (Lawaetz-Stiftung 2014).
Die Wohnsituation gilt als zweiter zentraler Aspekt der strukturellen Integration von Zuwanderern. Spätestens nach Abschluss ihres Verfahrens haben Asylbegehrende die Möglichkeit, die Gemein- schaftsunterkünfte zu verlassen und in eine eigene Wohnung zu ziehen – sofern sie eine Wohnung finden und finanzieren können (Aumüller et al. 2015: 39). Die Wahl des Wohnortes ist u.a. bedingt durch die Struktur des Wohnungsmarktes, die individuellen Präferenzen sowie die zur Verfügung stehenden ökonomischen Ressourcen. Das gewählte Wohnquartier beeinflusst wiederum städtische Aktionsräume sowie den Zugang zu unterschiedlichen Netzwerken und Infrastrukturen. In der Stadt- und Regionalforschung werden vor allem die Folgen räumlicher Segregation von Zuwanderern diffe- renziert bewertet (Dangschat 2004: 52). Wenn sich ethnische Segregation und sozioökonomische Benachteiligung überschneiden, können Eingliederungsschwierigkeiten und Konflikte um knappe Ressourcen, wie z.B. um bezahlbaren Wohnraum, auftreten. Die Folge sind überforderte Nachbarschaften, in denen Konflikte primär sozioökonomischen Ursprungs „ethnisiert“ werden (Häußer- mann/Siebel 2004; Verbundpartner 2005).
Da es derzeit keine aktuellen Untersuchungen zu den Wohnstandorten von Flüchtlingen gibt, haben wir diesen Aspekt aufgrund seiner Bedeutung für Integration mit in unser Untersuchungsdesign aufgenommen. Wir werden sowohl die Lebenssituation von anerkannten Flüchtlingen beleuchten, die bereits eine eigene Wohnung beziehen konnten, als auch von denjenigen, die aufgrund eines ange- spannten Wohnungsmarktes noch in einer Gemeinschaftsunterkunft geblieben sind. Ziel ist es daher zu erforschen, welchen Weg Flüchtlinge aus ihren zugewiesenen Unterkünften nehmen und in welchen Teilbereichen des Wohnungsmarktes sie einen Zugang finden.