Die soziale Dimension im Integrationsprozess von Fluchtmigranten

Die soziale Dimension von Integration wird in Studien zu Fluchtmigration selten in den Blick genommen. Dabei kommen Fluchtmigranten häufig ohne Vorbereitung (z.B. im Hinblick auf Sprache, Kultur; OECD 2016) in das Ankunftsland und sind daher in besonderem Maße auf neue Kontakte und Betreuung angewiesen, die erste Orientierungen, Hilfestellungen und emotionale Unterstützung bieten (Lillig 2004). Viele Fluchtmigranten versuchen in solche Länder/Regionen zu kommen, in denen bereits freundschaftliche oder verwandtschaftliche Beziehungen existieren (z.B. Kühne/Rüssler 2000: 446; 528), weil sie sich über diese Netzwerke einen leichteren Einstieg erhoffen.
Zu Beginn der Fluchtmigration ergeben sich zwangsläufig Berührungspunkte zu anderen Flüchtlingen während der gemeinsamen Flucht und der ersten Zeit in Aufnahmestellen. Ein gemeinsamer Erfahrungskontext kann hier zu länger anhaltenden Kontakten führen. Anfangs kann auch der Kontakt zu ethnischen Communities eine wichtige Orientierung darstellen (Kühne/Rüssler 2000: 465; vgl. auch Dangschat 2004: 50; Häußermann/Siebel 2001: 72ff.). Allerdings kann eine dauerhafte, ausschließliche Fokussierung auf ethnische Communities hinderlich für den Integrationsprozess sein, wenn gleichzeitig der Zugang zum regulären Arbeitsmarkt ausbleibt (Anthias 2007: 797). Aumüller und Bretl (2008: 38) weisen schließlich darauf hin, dass nicht wenige Flüchtlinge aufgrund vermuteter politischer Differenzen oder Statusunterschiede um Distanz zu den ethnischen Communities bemüht sind.
Gelegenheiten zur Kontaktaufnahme mit der lokalen Bevölkerung ergeben sich zunächst durch die Sozialarbeiter der Kommunen und Wohlfahrtsverbände sowie die zahlreichen ehrenamtlichen lokalen Maßnahmen und Initiativen, die das Ankommen und das Einleben der Fluchtmigranten unterstützen (Kühne/Rüssler 2000: 182). Dem Arbeitsplatz dürfte zumindest zu Beginn des Aufenthaltes eine geringe Bedeutung für den Aufbau persönlicher Beziehungen zukommen, da die überwiegende Mehrheit der Fluchtmigranten zu Beginn ihres Aufenthaltes keiner Beschäftigung nachgehen kann (s.o.). Doch selbst wenn eine Beschäftigung gefunden wird, ist dies kein Garant für die Etablierung intensiver sozialer Kontakte (Aumüller 2009: 119).
Nachbarschaften stellen einen wichtigen Kontaktpool dar (Guest/Wierzbicki 1999: 108f.), besonders wenn durch Arbeitslosigkeit viel freie Zeit und wenig Geld für Mobilität zur Verfügung stehen (Lillig 2004; vgl. auch Grossetti 2005). Deswegen sind Nachbarschaften ein sehr wichtiger gesellschaftlicher Orientierungspunkt, was die zentrale Bedeutung der Wohnsituation für Integrationsprozesse unterstreicht.
Da es zur Bedeutung von Kontakten zur eigenen ethnische Community, zu Flüchtlingen anderer Herkunftsländer und zur einheimischen Bevölkerung bislang kaum zufriedenstellende Erkenntnisse gibt, haben wir auch diesen Punkt in unserem Untersuchungsdesign berücksichtigt.